Mai 6 2011

Das Ende ist nah

Ich habe Augenzeugen befragt und Fakten mit Erinnerungen abgeglichen. Hier ist das Ergebnis: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist das dort oben das allererste Spiel gewesen, das ich jemals auf dem Tivoli gesehen habe: Alemannia Aachen gegen die Stuttgarter Kickers. Zehn Jahre alt war ich damals. Was in meinem Hinterkopf hängen geblieben ist, habe ich mich seinerzeit mehr mit den Leuten beschäftigt, die um mich und meinen Vater herumstanden, als mit dem Fußball an sich. Da schwingen wilde, bärtige Männer riesengroße schwarz-gelbe Fahnen vor meinem inneren Auge. Kuttentragende Halbstarke gröhlen Unanständigkeiten. Als das Tor fiel, wurde aus dem ständig vorhandenen Grundrauschen purer Lärm. Es war wundervoll. Und bei meinen nächsten Besuchen wurde es sogar noch besser.

Auch wenn ich im Grunde schon vor zwei Jahren Abschied genommen habe, vermisse ich den Tivoli immer noch. Bisher war das gar nicht so schlimm. Immerhin lag der alte Kasten auf meinem Weg zum neuen Stadion. Ein Blick hinauf zu den Flutlichtmasten reichte schon, um eine Menge gute Erinnerungen zu wecken. Und Fußball gab es auf dem Tivoli schließlich auch noch. Ich bin nicht so oft hingegangen, wie ich es mir vorgenommen hatte, aber von Zeit zu Zeit habe ich es doch geschafft, unserer zweiten Mannschaft einen Besuch abzustatten. Das ist jetzt aber auch vorbei. Zwei Spielzeiten nachdem die Profis umgezogen sind, packen die Amateure ebenfalls die Kisten. Am Samstag rollt zum letzten Mal der Ball über die alte Kampfbahn. Schwarz-Weiß Essen wird der letzte Gegner sein, der dort mit der Alemannia um Punkte ringt. Und gleich im Anschluss findet noch ein Freundschaftsspiel zwischen einem aus Fans gebildeten Team und der Traditionsmannschaft statt. Ein finaler Doppelpack. Dann ist es endgültig vorbei. Wer später auch einmal erzählen möchte, dass er auf dem Tivoli Fußball gesehen hat, oder wer gerne alte Männer weinen sieht, sollte sich diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.

Christoph unter den nägeln | Ein Kommentar


Mrz 10 2011

Auserlesene Anekdötchen

© carl brunn

Fußball ist schon eine feine Sache. Gerade das Live-Erlebnis im Stadion kann durch nichts ersetzt werden – und durch Fernsehen schon mal gar nicht. Vor allem bei Auswärtsfahrten wächst das Anekdotenkonto fast minütlich. Unabhängig vom Spielverlauf kann man da die tollsten Dinge erleben. Daheim natürlich auch, aber auswärts ist diesbezüglich schon das »Nullplusultra«, wie ein verhinderter Philosoph einmal gesagt hat. Um den Fans der Alemannia die Gelegenheit zu geben, ihre Geschichten und Geschichtchen einmal auszutauschen habe ich vor ein paar Jahren den »Alemannia Anekdötchen Abend« ins Leben gerufen. Bis jetzt ist der sage und schreibe zweimal über die Bühne gegangen. Irgendwie wäre es noch mal an der Zeit für eine Fortsetzung. Bis die aber in trockenen Tüchern ist, erzähle ich einfach hier schon einmal eine Geschichte. Oder zwei, oder drei. Mal schauen, was sich so ergibt. Fürs Erste soll es ein Schwank aus meinem Fanleben tun, der sich Mitte der Neunziger in Köln ereignet hat. Und weil dieses Internet so herrlich viele Möglichkeiten bietet, gibt es das Ganze in zweifacher Ausführung. Wer sich die Geschichte lieber anhören möchte, klickt hier. Leute, die das Lesen auf eigene Faust bevorzugen, kommen bitte hier entlang.

Christoph unter haltsam | Ein Kommentar


Dez 6 2010

A nightmare at the Opera

YouTube Preview ImageBeim Brainstorming ist alles erlaubt. Eine Runde freies Assoziieren hat noch niemandem geschadet. Schalke gegen Bayern, große Bühne, Diven, Fußballoper. Das kann man mal vor sich hin denken. Aber muss aus diesen Gedankengängen gleich ein brandneues Konzept für eine Fußballübertragung gemacht werden? Der Sender Sky hat diese Frage am vergangenen Samstag mit »Ja« für sich beantwortet. Und so sind die Kunden des Bezahlsenders beim Abendspiel der Bundesliga in einen ganz besonderen Genuss gekommen. Einen ganz besonders seltsamen Genuss. Während auf Tonoption 1 Marcel Reif das Spiel kommentierte, übernahm diese Aufgabe auf Kanal 2 gleich ein ganzes Quartett. Frei improvisierend, boten vier Opernsänger den Ton zum bewegten Bild. Eindrucksvoll haben sie dabei unter Beweis gestellt, dass Arien nur sehr bedingt freestyletauglich sind. Vor allem aber, dass man beim freien Assoziieren auf eine Menge Quatsch kommen kann.

Christoph unter irdisch | 4 Kommentare


Okt 7 2010

Von höchster Stelle…

…unter die Gürtellinie

YouTube Preview ImageBenefizspiele zwischen Politikerteams sind mit das Ödeste, was man in Bezug auf Fußball geboten bekommen kann. Um des lieben Friedens Willen enden die Partien unentschieden, nur die wenigsten Staatsdiener sind in der Lage, ansehnlich mit dem Ball umzugehen, und wehtun möchte sich schon gar niemand. Dass so etwas auch ganz anders aussehen kann, zeigt ein Blick nach Südamerika. In Boliviens Hauptstadt La Paz ist es neulich in doppelter Hinsicht zu einem Politiker-Kick gekommen. Im Spiel seines Teams gegen das des Bürgermeisters hat Staatspräsident Evo Morales, stilecht mit Kapitänsbinde und Rückennummer 10 ausgestattet, leicht die Nerven verloren. Anders als die Kamera hat der Schiedsrichter das Vergehen allerdings nicht gesehen. Der Sünder blieb auf dem Feld und erzielte kurz vor Schluss den letzten Treffer der Partie. Zum 4:4. Unentschieden. Um des lieben Friedens Willen, wahrscheinlich.

Christoph unter haltsam | Ein Kommentar


Jun 21 2010

Muss ich haben!

Die schwarz-rot-goldene Produktpalette

MetaplotEspaña ´82. Die erste von mir bewusst erlebte Fußball-WM. Wie so oft bei solchen Kollektivereignissen lässt sich schwer zwischen »echter« und medial aufgefrischter Erinnerung unterscheiden. Wer kann schon genau sagen, ob er den Finaltreffer von Paul Breitner beim 1:3 gegen Italien damals wirklich memoriert hat, oder ob er nur Opfer der zahllosen WM-Nächte geworden ist, die jedes Finale seit 1954 rauf und runter leiern. … weiter

Amien unter haltsam | Kein Kommentar


Jun 17 2010

fuckyeahworldcup

Ohne viel Drumherum

© fuckyeahworldcup

Dass gerade die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika läuft, dürfte inzwischen auch der letzte Einsiedler mitbekommen haben. Wenn man es darauf anlegt, kann man von überall her Informationen und Ergebnisse um die Ohren gehauen bekommen. Warum also sollten wir da überhaupt noch eine Webseite empfehlen, die sich mit den Ereignissen am Kap beschäftigt? Weil sie herrlich schlicht ist, vielleicht. Oder weil sie sich auf das Wesentliche beschränkt: Spielankündigungen und Resultate nebst der wichtigsten Statistiken. Vor allem aber weil es die Betreiber der Seite hinbekommen, die großen und kleinen Geschichten der jeweiligen Partie ohne große Worte zu erzählen. Sie lassen lieber Bilder und Collagen für sich sprechen. Der Name ist Programm: Fuck yeah, World Cup! Für den kurzen Genuss zwischen zwei Autokorsi (oder -korsen?) genau das Richtige. (Bildquelle: Screenshot)

METAPLOT

METAPLOT unter den nägeln | Kein Kommentar


Feb 21 2010

Ode an die Bayern

Mir san mir in Süd-Kalifornien.

Matthias Anthony Granic

© Matthias Anthony Granic

Eigentlich ist die Geschichte ein zweieinhalb Jahre alter Hut. Für Internetverhältnisse also mehr als alt. Aber irgendwie kann ich nicht widerstehen, ihn trotzdem aufzusetzen. Wohlwissentlich, dass der eine oder andere Leser diesen langhaarigen Adonis hier im Bild noch nicht kennt. Sein Name ist Matthias Anthony Granic. Das wird er Euch aber gleich noch selbst erzählen. Wie viele Menschen auf diesem Planeten mag Matthias Fußball. Für seinen Lieblingsverein, den FC Bayern München, würde er offensichtlich sein letztes Hemd hergeben. Oder eben eine Hymne schreiben, die er dann völlig selbstlos der Marketing-Abteilung des deutschen Rekordmeisters zur Verfügung stellt. Ob sich die jemals bei ihm gemeldet hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Meine Interviewanfrage blieb leider unbeantwortet. Auch unter der angegebenen Telefonnummer habe ich niemanden erreichen können, der Granic heißt. So müssen wir uns dann eben mit den Videos begnügen, die Matthias in die Welt gesetzt hat. Dabei hätte ich noch so viele Fragen gehabt. … weiter

Christoph unter haltsam | Kein Kommentar


Dez 17 2009

Peter geht steil

»Das ist eine Frechheit von Ihnen.«

YouTube Preview ImageÖsterreichischer Fußball wird hier in Deutschland immer ein bisschen belächelt. Im Vergleich zur hiesigen Bundesliga kann die dortige Bundesliga einfach nicht mithalten. Zumindest wenn es um das Sportliche geht. Um Spieltempo und -attraktivität beispielsweise. In einer Sache sind uns unsere südlichen Nachbarn allerdings um Längen voraus. Die Aufbereitung der Spiele im Fernsehen hat einen nahezu unerreichbaren Unterhaltungswert. Da wird niemand am Trikot gezogen, sondern am Leiberl. Die Flanke, alias Crosspass, kommt auch nicht auf den langen Pfosten, sondern auf das zweite Stangerl. Und wie öde klingt das Wort Hackentrick, wenn es doch auch Fersler heißen kann? Doch um die sprachlichen Eigenheiten soll es hier nur am Rande gehen. Denn nach dem Schlusspfiff geht der Spaß erst richtig los. Während hierzulande jeder Trainer oder Spieler fleißig in der »Phrasenschublade für Fußball-Interviews« kramt, wird in Österreich bei Bedarf einfach Klartext geredet. … weiter

Christoph unter haltsam | 4 Kommentare


Nov 24 2009

Ach, Du Schande

Weil sich Genie und Wahnsinn bei ihm die Klinke in die Hand gaben, trieb Roger Claessen Gegenspieler und Vereinsvorstände gleichermaßen an den Rand der Verzweiflung. Während zweier Spielzeiten trug der belgische Torjäger auch das Trikot von Alemannia Aachen. Vor etwas mehr als vierzig Jahren köpfte er die Schwarz-Gelben zur Vizemeisterschaft.

Nett, freundlich, unberechenbar: Roger ClaessenIn seiner Tätigkeit als Alemanniapräsident hat Leo Führen schon einiges erlebt. Kaum etwas kann den wortgewandten Textilfabrikanten aus der Fassung bringen. Doch das, was der sonntagnachmittägliche Anrufer gerade erzählt hat, verschlägt ihm schlichtweg die Sprache: »Roger Claessen hat sich als Freiwilliger zur Fremdenlegion gemeldet. Liebeskummer!« Vor seinem inneren Auge sieht er den teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte in der flirrenden Wüstenhitze am Horizont entschwinden. Mit gebrochenem Herzen und geschultertem Gewehr. Einen Schweißausbruch und mehrere hektische Telefonate später ist ein rasch entworfener Notfallplan in Gang gesetzt. Als sich das Auswärtige Amt vermittelnd einschaltet, kommt Bewegung in die Sache. Und der liebeskranke Stürmer ungeschoren davon. Letzten Endes verzichten Frankreichs Streitkräfte auf seine Dienste. Am Tivoli atmet man erleichtert auf. … weiter

Christoph unter den nägeln | 2 Kommentare


Nov 14 2009

Rue de Attacke

Diplomatie? Fußball!

metaplot

© metaplot

Bill O’Leary ist bestimmt ein netter Kerl. Schon von Berufs wegen. Für einen Diplomaten wie ihn gehört Freundlichkeit zum Tagwerk. Aber Bill O’Leary ist auch Ire. Und ganz offensichtlich ein Fußballfan. Daher hat er es sich nicht nehmen lassen, den französischen Staatspräsidenten in einem, seit Ende Oktober andauernden, Briefwechsel nachhaltig zu verhohnepiepeln. Schließlich spielt die Nationalmannschaft der Republik Irland am heutigen Abend mit Frankreich einen der letzten freien Plätze für die Fußball-WM 2010 aus. Am Ende hat er es so weit getrieben, dass Nicolas Sarkozy das Spiel daheim vor dem Fernseher und eben nicht im Croke Park zu Dublin verfolgen wird. Der Mann am anderen Ende der Post, Jacques du Maurier, will sich zudem an höchster Stelle über den störrischen Kollegen beschweren. Allerdings scheint diese Drohung Bill O’Leary relativ wenig zu kratzen. Solange die »Boys in Green« nur das Ticket nach Südafrika lösen. Nachlesen kann man seine launigen Schreiben und die zunehmend fassungslosen Antworten hier. Ob das alles so stimmt, war bisher leider nicht festzustellen. Lustig ist es allemal. Und immerhin nennt sich die Quelle »Irish Soccer Insider«.

Christoph unter haltsam | Ein Kommentar