Aug 18 2012

Lieblingslied # 4

Die verbitterte Abrechnung

© florianplag

Die Laufbahn von MC Rene als Karriere zu bezeichnen wäre vermutlich übertrieben. Der Rapper aus der Nicht-Gerade-Hip-Hop-Hochburg Braunschweig ist ein Kind der ersten deutschen Reimgeneration. Er verdiente sich Anfang der 90er Jahre erste Sporen auf Jams und galt ganz kurz als das nächste große Ding – in einer Zeit wohlgemerkt, in der es was deutschen Rap angeht viele nächste große Dinger gab. Es folgten fünf Alben, Moderationen mit Oliver Pocher sowie beim Hip-Hop-Magazins Mixery Raw Deluxe und eine Kollaboration mit DJ Tomekk, die ihn wohl das letzte Stück Szenen-Credibilität verlieren ließ. Alles in allem also nicht der Rede wert.

Wenn es da nicht „Die Enthüllung“ aus dem Jahr 2005 gäbe. Ein Stück, das rückblickend als eine Art letztes Aufbäumen verstanden werden kann. Reen, so nannte er sich inzwischen, war Ende Zwanzig und schien den Traum davon, es doch noch einmal mit der Musik zu schaffen, noch nicht aufgegeben zu haben. Er packte seine ganze Wut über dissende Kollegen und die Ungerechtigkeiten der Branche, wenn nicht der ganzen Welt, in den Track und ließ seine „Karriere“ Revue passieren. Unterbrochen wird die Abrechnung lediglich von Zwischenansagen des damals aufstrebenden und äußerst credibilen Sido. Herausgekommen ist „Deutschlands längster Solotrack“, der obwohl oder gerade weil er so selbstgerecht und verbittert ist, zu Herzen geht.

Und was macht MC Rene  jetzt? Vor zwei Jahren kündigte er sowohl seinen Job im Callcenter als auch seine Wohnung, kauft sich eine Bahncard 100 und reiste als Hip-Hop-Comedian durch Deutschland. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben und – man glaubt es kaum – auch wieder einen Track aufgenommen. Das Leben ist und bleibt eben ein Struggle. (Bildquelle: Flickr)

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Amien unter schätzt | Kein Kommentar


Aug 14 2012

Doppelpack XII

Die Universal-Biografie

© loop_oh

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Nach Ansicht vieler Philosophen ist es vor allem das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, die der homo sapiens seinem tierischen Verwandten voraushat. Wobei unser heutiger Doppelpack zeigt, dass dieses Wissen eher Fluch als Segen ist. Denn wer vom Ende weiß, kann sich bis zu selbigem allerhand Gedanken über Sinn und Unsinn des Lebens machen. Sowohl bei „The Godfathers“ als auch bei „Blumentopf“ schlägt das Pendel eindeutig in Richtung Unsinn aus. Den Paten aus London verdanken wir mit der Textzeile „Birth, School, Work, Death“ die wohl kürzeste und universalste Biografie der Musikgeschichte. Und bei Blumentopfs „Manfred Mustermann“ läuft es im Prinzip aufs Gleich hinaus, wenn die Münchener dafür auch deutlich mehr Worte benötigen. Klar ist auch, dass man auf solche Stücke von Kühen, Ziegen & Co. bislang vergeblich gewartet hat. (Bildquelle: Flickr)

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Amien unter bewusst | Kein Kommentar


Mai 31 2012

Doppelpack XI

Berlin, Berlin

© Metaplot

Ein Doppelpack der Gegensätze? (Hier noch einmal die Spielregeln unserer Doppelpack-Reihe) Nur scheinbar. Denn so diametral entgegengesetzt „Berlin“ von Ideal, als Ode an die Spreemetropole, und „Ich will nicht nach Berlin“ von Kraftklub, als Anti-Hauptstadtlied, auf den ersten Blick wirken, so sehr kommen sie durch den Faktor Zeit wieder zusammen.

Als Ideal 1980 „Wir stehen auf Berlin“ sangen, meinten sie nämlich das Berlin der bipolaren Weltordnung. Das Berlin, das als westdeutsche Enklave im roten Ostblock lag und somit der Inbegriff der Peripherie war. Die Peripherie, deren Antithese der Zentralismus ist, für den Berlin seit der Wiedervereinigung steht, und gegen den Kraftklub nicht nur in „Ich will nicht nach Berlin“ ansingen. Es schlägt also das gleiche Herz in den beiden Stücken. Und auch musikalisch lassen sich Parallelen entdecken. Bitte schön:

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Amien unter haltsam | Kein Kommentar


Mai 8 2012

Einer von den wirklich Guten #2


Beastie Boys

© Beastie Boys

Was habe ich sie verachtet, all diese Online-Kondolenzler, die nach dem Tod von Michael Jackson und Whitney Houston R.I.P.-Meldungen in die Welt zwitscherten. Nicht nur, dass ich die Hysterie wegen des Todes eines Menschen – mag er auch in den Augen vieler Menschen tolle Musik gemacht haben – nicht nachvollziehen konnte, auch das Mitteilungsbedürfnis war mir fremd. Was bringt jemanden dazu, nachdem er auf Facebook schon 500 Mal R.I.P. MJ gelesen hat, ein weiteres Mal friedliche Ruhe zu wünschen?

Von diesem hohen Ross hat mich der Tod von Beastie Boy Adam Yauch gestoßen, der in mir Redebedürfnis ausgelöst hat. Nicht, dass nicht genug kondoliert würde, oder ich irgendetwas zu sagen hätte, was nicht andere besser oder fundierter vortragen könnten. Nein, ich will einfach pathetisch schreiben.

Davon, dass dieses Bedürfnis vielleicht etwas mit meinem Alter zu tun hat. Ich, der Enddreißiger, dessen musikalische Sozialisation nun mindestens 20 Jahre zurückliegt und der die Helden seiner Jugend bislang »nur« durch Suizid oder Mord verloren hat. Der langsam akzeptieren muss, dass der natürliche Tod Lücken in die Phalanx seiner Heroen schlägt. Es begann mit dem Krebstod von Guru vor zwei Jahren und setzt sich nun mit MCA fort.

Das zu akzeptieren, fällt vermutlich deshalb so schwer, weil diese Helden mit der Aura des Unsterblichen in mein Leben traten, als ich mich selber für unsterblich hielt. Dieses Alter zwischen 15 und 25, in dem man an alles denkt, nur nicht an die eigene Endlichkeit. In dem das Leben zumindest im Rückblick leicht war und die Beastie Boys stellvertretend für uns die Party stürmten und »Fight for your right« skandierten.

Dabei gibt es wohl kaum eine Band, die uns so gut aufs Erwachsenwerden vorbereitet hat. Denn wären sie bei »Licensed to Ill« stehengeblieben, hätten wir sie vergessen. So wie wir Ugly Kid Joe vergessen haben, oder Mucky Pup. Die Beasties verlangten ernsthafte Auseinandersetzung und stellten uns mit jedem neuen Album eine neue Aufgabe. So präsentierten sie drei Jahre nach der Sloganmaschine »Licensed to Ill« das Konzeptalbum »Paul‘s Boutique«, das uns Heranwachsende fragenden Blickes zurückließ. Wir wollten»Girls« und »No Sleep Till Brooklyn« und bekamen ein Sampling-Ungetüm, bei dem einzig die Textstelle »Rapunzel, Rapunzel let down your hair. So I can climb up and get into your underwear« unsere pubertären Gelüste befriedigen konnte.

Flood

© Flood

Dann »Check your head«, dass ich ebenfalls zunächst nicht verstand und nach dem Erwerb gar gegen das aus heutiger Sicht unsägliche Ice-T-Album »Home Invasion« tauschte. Auf instrumentalen handgemachten Hip-Hop war ich damals nicht vorbereitet. Aber irgendwann war ich drin. Vermutlich, weil niemand diesem Album entkommt. Alles dabei und deshalb auch wöchentlich wechselnde Lieblingslieder (Im Moment ist es mal wieder »Mark on the Bus«). Schließlich »Ill Communication« mit dem Monster »Sabotage«, das jahrelang auf jeder Party, in jeder Disko, einfach überall lief, aber mir dennoch nie auf die Nerven gegangen ist.

»Hello Nasty« unterschlage ich frech und steige bei »To The 5 Boroughs« wieder ein. Geringe Erwartungen gehabt. Gehört… Ja ok, gedacht. Wieder gehört und dann nochmal. Und dann festgestellt, dass mich das Ding so was von am Schlafittchen hat. Unmöglich nur ein Beastie-Boys-Album mit auf die einsame Insel zu nehmen. Aber wenn ich müsste, wäre es vermutlich »To The 5 Boroughs« (Stand 5/12). Beastie Boys Essentials.

»Ok, das war also so ein Typ, der zusammen mit zwei anderen ziemlich gute Musik gemacht hat«, mag jetzt der Beastie-Boys-Unkundige denken. »Nein«, sage ich, »der war viel mehr.« Er hat zusammen mit Ad-Rock und Mike D das Gerücht des White-man-can’t-rap widerlegt (das war nämlich nicht Vanilla Ice) und die Grenzen nicht nur des Hip-Hop immer wieder neu ausgelotet. Er hat geholfen, den Rap wieder zu politisieren und Homophobie und Frauenfeindlichkeit im Business die Stirn geboten (den Riesenpenis während der Licensed-to-ill-Tour verbuchen wir unter Jugendsünden). Er hat Filme gedreht und bei vielen wegweisenden Videos der Beastie Boys Regie geführt. Und er war Teil einer Band, die mehr als 30 Jahre lang mehrere musikalisches Genre und die Popkultur im Allgemeinen maßgeblich beeinflusst, und sich dabei nie allzu ernst genommen hat. Und …

Ich werde diese heisere Stimme, die immer auf dem letzten Loch zu pfeifen schien und dabei smart und verletzlich klang, vermissen. (Bildquelle: Facebook, Flickr)

Akira Mizumoto / A Tribute to Adam ‘MCA’ Yauch of the Beastie Boys by MIZUMOTO akira

Amien unter den nägeln | Ein Kommentar


Mai 5 2012

Einer von den wirklich Guten

Ich könnte jetzt erzählen, dass »Licensed to Ill« eines meiner ersten Vinyl-Alben war, dass »Check your head« meine Beziehung zum Hip Hop nachhaltig verändert hat, dass ich die Videos zu »Sabotage« und »Intergalactic« immer noch von ganzem Herzen liebe, dass ich auch mit Ende 30 noch bescheuerte Breakdance-Versuche unternehme, wenn ich »To the 5 Boroughs« (alleine) höre, oder dass ich mich unheimlich gefreut habe, als vor ziemlich genau einem Jahr »Hot Sauce Committee Part Two« erschienen ist.

Vielleicht erzähle ich das eines Tages einmal in aller Ausführlichkeit. Jetzt möchte ich einfach nur loswerden, dass mich der Tod von Adam Yauch so traurig macht, wie ich es nicht erwartet hätte. Wahrscheinlich liegt das daran, dass er auf viele verschiedene Arten einer von den wirklich Guten war, mit denen ich groß geworden bin. Und nicht nur ich…

Christoph unter den nägeln | Kein Kommentar


Okt 8 2011

Kurze Fuffzehn

Vor geraumer Zeit haben wir (unter anderem) hier mal ein paar Filmchen herumgezeigt, die (a) in der Stop-Motion-Technik aufgenommen worden waren und uns (b) ganz besonders gut gefallen haben. Der gleich folgende Anderthalbminüter passt ganz gut in diese Reihe. Und weil es dazu nicht mehr zu erzählen gibt, lasse ich es auch bleiben.

Christoph unter haltsam | Ein Kommentar


Sep 16 2011

The Future is unwritten

© David Shankbone

Als Sänger und Gitarrist von The Clash hat Joe Strummer viel dazu beigetragen, dass ich heute die Musik höre, die ich höre. Immer noch ist das selbstbetitelte erste Album einer der ständigen Gäste auf meinem Plattenteller. Im Jahr 2007 hat Julien Temple mit »The Future is unwritten« eine höchst unterhaltsame, informative und einfach schöne Doku über den Mann gedreht, der eigentlich John Graham Mellor hieß. Wie ich gerade bei »Testspiel.de« gesehen habe, kann man den kompletten Film aktuell im Internet finden und anschauen. Das Finden habe ich Euch somit schon einmal abgenommen. Anschauen müsst Ihr jetzt aber selbst. »I’d like you to write Punk Rock Warlord. With Warlord being one word.« (Bildquelle: Wikipedia)

Christoph unter haltsam | Kein Kommentar


Sep 13 2011

Doppelpack IX

© danmachold

»Two turntables and a microphone.« Die wohl knappste, griffigste, was auch immerste Definition von Rap. Zwei Plattenspieler, besampelt und bescratcht vom Diskjockey und ein Mikrofon, gehalten und mit Texten besprochen vom Master of Ceremony. Diesen beiden eigentlich untrennbaren Eckpfeilern des Sprechgesangs mit rhythmischer Begleitung ist der neunte Doppelpack gewidmet. … weiter

Amien unter haltsam | Kein Kommentar


Sep 8 2011

Liedstriche

Was zum Rätseln. Zum Mitmachen. Und zum Malen. Das sind gleich drei Dinge auf einmal, die jetzt und hier auf Euch warten. Zu Beginn muss ich aber noch kurz die Geschichte von Jochen und Dirk loswerden.

Weil Jochen Musik mag und ein Händchen für das richtige Lied zur richtigen Zeit hat, legt er von Zeit zu Zeit in Aachener Clubs auf. (beispielsweise morgen bei der »Sportsman Bar« im Aoxomoxoa) Auch Dirk mag Musik. Und wenn der Jochen irgendwo auflegt, kann man ziemlich sicher sein, den Dirk dort anzutreffen. Immer wieder kommt es dann zu Momenten, in denen sich der Dirk beim Jochen gerne ein Lied wünschen möchte. Aber in den Läden ist es immer furchtbar laut, was in Sachen Kommunikation schon einmal ein Problem darstellen kann. Während sich die meisten Leute weit über den Tresen beugen und ihre Wünsche ins Ohr des DJs brüllen oder diese auf einen Zettel schreiben, haben Jochen und Dirk eine ganz andere Art der Unterhaltung für sich entdeckt. Dirk malt die Titel seiner Wunschsongs auf einen Zettel. Jochen errät diese dann und legt die Lieder auf. So schön kann nonverbale Kommunikation sein.

Jetzt sind wir hier in der glücklichen Situation, dass uns die beiden zwei dieser Kunstwerke zur Verfügung gestellt haben. Vielen lieben Dank dafür. (Das Verschwommene auf den Zetteln stammt von uns. Wir wollten nicht in den Verdacht geraten, Werbung für irgendwelche Brauereien zu machen.) Womit wir bei den drei Dingen vom Anfang dieses Artikels wären: Erst einmal dürft Ihr locker flockig drauflosraten, welche Lieder sich Dirk da wohl gewünscht hat. Zum anderen seid Ihr herzlich eingeladen, selber Songtitel zu malen und diese dann hier zu veröffentlichen. Und schon gehts los:

© Dirk Dangerous

Update 14.9.: Okay, drüben bei Facebook ist dieses Bild erkannt worden. Danke Andrea für die Auflösung. Hier kommt das passende Lied:

© Dirk Dangerous

Update 21.9.: Okay, ich löse dann mal auf. Es sind einige sehr passende Tipps hier eingegangen. Dirk hätte sich seinerzeit sicherlich nicht beschweren dürfen, hätte Jochen »This is not a love song« oder »Don’t go breaking my heart« gespielt. Gewünscht hat er sich mit dem Bild aber dieses Lied:

Christoph unter haltsam | 5 Kommentare


Sep 5 2011

Vor die Tür gesetzt

© metaplot

Wahrscheinlich muss man Josh Ottum nicht unbedingt kennen. Ich habe ihn vor etwa fünf Jahren einmal zufällig in Aachen live gesehen. Seinerzeit war er mit seinem ersten Album auf Tour und ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, weil er seine Begleitband vom iPod einspielte. Okay, die Musik hat mir auch gefallen, sonst hätte ich damals wohl kaum die Platte gekauft. Im Moment ist er mit deren Nachfolger unterwegs. Und im Rahmen dieser Tour kam er auch nach Köln, in die dortige »Wohngemeinschaft«. Oder eher: vor die »Wohngemeinschaft«. Denn anders als geplant fand das Konzert auf dem Bürgersteig statt. Ob es am überraschend tollen Wetter dieses »Dann doch noch Sommer«-Abends lag, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte Josh Ottum sein Equipment draußen aufgebaut. Diesmal spielte er ohne iPod-Begleitband. Aber seine Lieder funktionieren auch in derlei abgespeckten Ein-Mann-Versionen. Zumindest bei mir. Sonst hätte ich die neue Platte wohl kaum gekauft.

Einen Song vom ersten Album habe ich auch noch mitgenommen. Hier ist das gute Stück:

Christoph unter haltsam | 2 Kommentare