Vor geraumer Zeit haben wir (unter anderem) hier mal ein paar Filmchen herumgezeigt, die (a) in der Stop-Motion-Technik aufgenommen worden waren und uns (b) ganz besonders gut gefallen haben. Der gleich folgende Anderthalbminüter passt ganz gut in diese Reihe. Und weil es dazu nicht mehr zu erzählen gibt, lasse ich es auch bleiben.
Wahrscheinlich muss man Josh Ottum nicht unbedingt kennen. Ich habe ihn vor etwa fünf Jahren einmal zufällig in Aachen live gesehen. Seinerzeit war er mit seinem ersten Album auf Tour und ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, weil er seine Begleitband vom iPod einspielte. Okay, die Musik hat mir auch gefallen, sonst hätte ich damals wohl kaum die Platte gekauft. Im Moment ist er mit deren Nachfolger unterwegs. Und im Rahmen dieser Tour kam er auch nach Köln, in die dortige »Wohngemeinschaft«. Oder eher: vor die »Wohngemeinschaft«. Denn anders als geplant fand das Konzert auf dem Bürgersteig statt. Ob es am überraschend tollen Wetter dieses »Dann doch noch Sommer«-Abends lag, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte Josh Ottum sein Equipment draußen aufgebaut. Diesmal spielte er ohne iPod-Begleitband. Aber seine Lieder funktionieren auch in derlei abgespeckten Ein-Mann-Versionen. Zumindest bei mir. Sonst hätte ich die neue Platte wohl kaum gekauft.
Einen Song vom ersten Album habe ich auch noch mitgenommen. Hier ist das gute Stück:
Vor einiger Zeit bin ich durch Zufall auf eine Seite namens »Daytrotter« gestoßen. Wenn ich mich nicht irre, hatte ich seinerzeit ein Lied von Bob Mould gesucht. Der Verdacht liegt jedenfalls nahe, denn Lieder gibt es dort jede Menge. Seit mittlerweile fünf Jahren aktualisiert eine Handvoll Musikenthusiasten das Angebot fast täglich. Und bei jedem Upload handelt es sich um exklusives Material. Die Songs selber sind meist bekannt, für »Daytrotter« werden sie noch einmal ganz neu aufgenommen. Oder besser: bei »Daytrotter«. Denn die Handvoll Enthusiasten haben ein Studio in der Hinterhand. Im schönen Städtchen Rock Island, Illinois. Nomen est omen.
Genau dahin laden sie Musiker ein, die gerade auf Tour und dadurch in der Nähe sind. In Sachen Genre werden keine Grenzen gesetzt. Von Hip Hop, über Elektopunk bis hin zu Folk ist jede Sparte schon vertreten gewesen. Jedem Künstler und jeder Band werden zwei Stunden in die Hand gegeben, in denen sie sich austoben können. Dabei ist schon eine ganze Reihe sehr interessanter Sessions herausgekommen, die sich alle im Archiv der Seite finden lassen. Dort kann man sie entweder direkt anhören oder für vollkommen umsonst herunterladen. (Zum Download wird ein Client installiert, der zumindest bei mir völlig einwand- und virenfrei funktioniert.) Das Ergebnis ist stundenlanger Spaß von A wie »…and you will know us by the Trail of Dead« bis Y wie »Yuck«. Eine Illustration jedes Acts, sowie ein kurzes Essay zum jeweiligen Künstler runden das liebevolle Angebot ab. So hat man beim Hören auch noch was zu gucken und zu lesen.
Warum ich das alles erzähle? In den vergangenen Tagen habe ich zwei Gespräche geführt, in denen ich irgendwann auf »Daytrotter« zu sprechen kam. Beide Gesprächspartner sind große Musikliebhaber, kannten die Seite bisher nicht und haben sich mächtig über das Kennenlernen gefreut. Darum dachte ich, dass es vielleicht noch mehr Leute gibt, die diesen Hinweis unbedingt unter die Nase – oder ins Ohr – gerieben bekommen möchten. Schon passiert. (Bildquelle: Screenshot)
Mitte April hatte Mott mit seinem Kommentar hier die Frage aufgeworfen, ob Punk nicht einfach nur Musik sei – auf jeden Fall aber keine Bewegung. Ich hatte seinerzeit aus Zeitmangel eine Antwort für später angekündigt. Jetzt ist später. Und hier kommt die Antwort:
Punk war in seinen Ursprüngen vor allem eine Jugendbewegung. Angetrieben vom Willen, anders zu sein, von einem guten Stück Hoffnungslosigkeit, von Ab- und Auflehnung gegen die Gesellschaft. Untermalt vom Punkrock. Eine einzige, zielgerichtete Bewegung ist er schon bald nach seiner Entstehung nicht mehr gewesen. Spätestens mit der Zersplitterung in die vielen kleinen Einzeldisziplinen (Hardcore, Oi,…) wurde aus der einen Bewegung eine breit gefächerte Subkultur, die neben der Musik viel Neues mitbrachte, das bis heute Bestand hat: die DIY-Bewegung, Fanzines, Piercings. Mit und mit fiel auch das »Sub« weg. Das klassische Outfit, ohnehin von vornherein eine pfiffige Idee von Vivienne Westwood, geriet in die Mangel der Modeindustrie. David Beckham zerstörte mit seiner Bourgeoisie-Variante die Streetcredibility des Iro. Als H&M anfing, Ramones- und Sex Pistols T-Shirts zu verkaufen, war der Zug auch abgefahren. Von den Fun- und Pop-Punk-Bands möchte ich erst gar nicht anfangen. Denn allem Sell-Out zum Trotz ist Punk keineswegs erledigt. Weil er in meinen Augen immer schon mehr war als das bloße Äußere.
Scheiß auf die Klamotten, scheiß auf die Frisur, auf Tattoos und sonstigen Schnickschnack. Punk ist eine innere Haltung und die Bereitschaft, sich außerhalb gesellschaftlicher Konventionen zu bewegen. Nicht zwingend außerhalb aller Konventionen, wohlgemerkt. Der Mensch, den ich in meinem Freundeskreis am ehesten als Punk klassifizieren würde, trägt unter der Woche zumeist Anzug. Im Gegenzug kenne ich Leute, die sich beim Outfit große Mühe geben und trotzdem gutbürgerlich daherkommen (und irgendwann garantiert Falschparker aufschreiben werden). Es ist schlicht und ergreifend das Herz, das entscheidet, ob Du Punk bist oder nicht. (Bildquelle: »The Disciples«)
Die meisten dürften die Geschichte schon mitbekommen haben. Deshalb nur kurz, damit alle auf dem selben Stand sind. Im Januar veröffentlichte das Magazin Mainstreet eine Top-Ten der US-amerikanischen Städte mit dem größten Bevölkerungsverlust der vergangenen Dekade. … weiter
Sehen, wir den Tatsachen ins Auge, liebe Altersgenossen: Wir alle haben die späten 80er und frühen 90er Jahre zu dem Style-Verbrechen gemacht, das diese Zeit nun einmal war. Wir haben pastellfarbene Polohemden getragen und Sweat-Shirts mit Neonaufdruck, wir krempelten die Ärmel hoch und die besonders Schmerzfreien unter uns knoteten sich sogar Pullover um die Schultern. Aus der Nummer kommt so gut wie niemand raus. Wie ich jetzt feststellen musste, sind sogar diejenigen schuldig zu sprechen, die wir im Rückblick als rühmliche Ausnahmen verklären. Sie waren es schlichtweg nicht. Beispiel gefällig? In diesem Video – im August 1990 von einem Mann namens Matt Cornell in San Francisco aufgenommen – spielen Sonic Youth das Lied »The Bedroom«. Und Thurston Moore hat das T-Shirt akkurat in die weiße Jeans gesteckt. Mit besten Grüßen von Sonny Crocket. So wäre heutzutage kein Indie-Blumentopf mehr zu gewinnen. Mit der Musik allerdings schon.
Es gibt eigentlich nichts, was mich beim Besuch von Konzerten mehr ärgert als ständiges Gelaber im Publikum. Dabei will ich nicht mal die schwere, moralische Keule vom »fehlenden Respekt vor der künstlerischen Leistung« rausholen. Mag sein, dass Leute, die während der Darbietung ihren Mund nicht halten können, die Band nicht respektieren. In erster Linie gehen die aber mir auf den Sack. Und ich bin absolut bereit, das persönlich zu nehmen.
Wie toll ist es da, zu spüren, dass ich mit dieser Ansicht in den Augen mancher Leute vielleicht spießig, auf jeden Fall aber nicht alleine bin. Vergangenen Montag etwa war ich beim Konzert von »Explosions in the Sky« in der Kölner Essigfabrik. Vorher saß ich mit meiner Begleitung noch ein wenig vor dem Laden. Um uns herum schwirrten die üblichen Flyer-Verteiler. Und ein junger Mann, der Visitenkarten auf den Tischen auslegte. Ich habe eine genommen, sie gelesen und behalten. Adresse und solche Sachen stehen da zwar nicht drauf. Stattdessen eine Bitte, die mir so was von aus dem Herzen spricht.
Geholfen hat der Appell aber offensichtlich eher nicht. Schon beim zweiten Lied stand hinter mir ein Knilch, der sich per Handy durch seinen kompletten Freundeskreis – immerhin fünf Telefonate – wählte: »Ey Alter, ich bin bei Explosions in the Sky. Hör mal!« Auch sonst war alles wie immer. Im Grunde ist die Kartenaktion also ins Leere gelaufen. Und trotzdem ist es der Gedanke, der zählt. Der Verteiler hat zumindest versucht, etwas gegen das Gelaber zu unternehmen. Weil es ihm auf den Sack geht. So wie mir. Weswegen ich mich auf diesem Wege bei dem unbekannten Gleichgesinnten für den Versuch bedanken möchte. Danke. Die Handvoll Karten, die ich nach dem Konzert in Sicherheit gebracht habe, werde ich bei nächster Gelegenheit auslegen. Vielleicht wirkt es ja doch eines Tages.
Und weil ich inzwischen auch ein Video (und einen dazugehörigen Bericht) von dem Auftritt gefunden habe, gibt es das noch als Zugabe. Wer will, kann gerne zwischendurch quatschen.
Erinnert sich jemand an den grandiosen Trailer zum letzten David Fincher »Social Network«? Piano-Einsatz, Pixel formieren sich langsam zum Bild einer jungen Frau mit Totenkopftattoo. Dann drei Twens, die an einem Auto lehnen. Partybilder. Der Button »Add a friend« erscheint. Nun dürfte sich dem letzten Zuschauer die Facebook-Association erschlossen haben. Dazu diese großartige Version von »Creep«. »I want a perfect body. I want a perfect soul«, singt ein Mädchenchor während Statusmeldungen auf den Bildschirm getippt werden. Der Clip entfaltet einen Sog, dem sich zu Entziehen schwerfällt. »Wow«, dachte ich beim ersten Sehen im Kino, »da hat Facebook einen verdammt guten und vermutlich preiswerten Clip rausgehauen.« Bis nach etwa einer Minute klar wird, dass es sich um einen Filmtrailer handelt. Eben für diesen »Facebook-Film«, der vom Creep Mark Zuckerberg handelt. Obgleich der Trailer die Vermutung nahelegt, dass es um den Creep in uns allen geht, der nach Aufmerksamkeit heischt. »I want you to notice«. … weiter
Die Informationen sind ein bisschen spärlich. Aber man muss ja auch nicht immer alles wissen. Was ich über »Fuck the Sandman« weiß, ist jedenfalls ziemlich flott zusammengefasst: Ein Mann namens Sean Hart schreibt in einem Ort namens Paris seit dem vergangenen Jahr Botschaften auf Matratzen, die er am Wegesrand findet. (Vielleicht legt er die da auch selber hin. Soweit gingen die Informationen auf seiner Seite dann auch wieder nicht. Ich habe mich beim Anschauen der Bilder für die Variante »Künstler bemalt Sperrmüll« entschieden.) Die Nachrichten, die er hinterlässt, drehen sich im Großen und Ganzen um die Themen Schlafen und Träumen. Und die Matratzen sind hinterher immer noch benutzbar. So wird keinem Clochard im Namen der Kunst der Schlafplatz geklaut. Weiter so, Sean. Und danke fürs Zeigen, Jürgo. (Bildquelle: Fuck the Sandman)
Gerade erst neulich habe ich hier eine Doku verlinkt, die sich mit dem späten Punk und der frühen Zeit danach befasste. Jetzt habe ich ein weiteres Werk zu dem Thema entdeckt – im Gegensatz zum 1980 gedrehten Film aber aus der heutigen Sicht. Und mit der Weisheit von 30 Jahren dazwischen bietet diese Doku eine prima Ergänzung zu der anderen. Rohe Schilderung aus dem Mittendrin da – Rückblick, Bewertung und O-Töne von gealterten Protagonisten hier. Zudem nimmt dieser erste Teil der arte-Reihe »Welcome to the 80’s« (Weitere Teile finden sich im YouTube Kanal von coxe68.) auch den deutschen Zweig des Postpunk unter die Lupe – Ausverkauf via Hitparade, inklusive. Um es mit den Specials zu sagen: »Enjoy yourself, it’s later than you think.«