Ziemlich genau 20 Jahre ist es jetzt her, dass mir dieser unscheinbare weiße Zettel eines meiner besten Festivalerlebnisse beschert hat. Das Pukkelpop 1991 war im Vergleich zu heutigen Veranstaltungen noch sehr überschaubar gehalten. Auf der einzigen Bühne, die an diesem heißen Sommertag in der belgischen Pampa stand, gaben sich dafür aus meiner Sicht fast ausschließlich musikalische Leckerbissen die Klinke in die Hand: Nirvana waren noch ein halbes Jahr von »der Platte mit dem Baby« und dem Durchbruch entfernt. Ride waren unglaublich laut, Dinosaur Jr. unglaublich gut. Black Francis war zufällig in der Gegend und spielte eine Handvoll Pixies-Songs. Sonic Youth machten Dinge mit ihren Gitarren, die ich bis heute nicht verstanden habe. Die Pogues sorgten für Polonaise-Stimmung auf dem gesamten Gelände und die Ramones waren eben die Ramones. Wenn alles gut geht, werde ich noch meinen Enkeln von diesem Tag erzählen. So sah das Ganze damals aus:
Und damit sich jeder auch ein Bild davon machen kann, wie das damals klang, kommen hier noch einige Videos, die ich in den vergangenen Wochen im Netz gefunden habe: Dinosaur Jr. – Freak Scene, Sonic Youth – Schizophrenia, Nirvana – School.
Auf einer kleinen Party neulich ist es mal wieder passiert: Zu vorgerückter Stunde trat einer der Gäste mit einer speziellen Bitte an den Gastgeber heran. »Ich habe da so eine CD mitgebracht. Kannst Du die mal einlegen?« Konnte er. Und plötzlich waren sie alle wieder da, die Lieder, die mir in den 90er Jahren Schauer den Rücken rauf- und runtergejagt haben. Haddaway, Ace of Base, Two Unlimited. Eurodance vom – nun ja – Feinsten. Nur diesmal war alles ein wenig anders. Statt zorniger Schweißausbrüche war da nur dieses Gefühl der Sorte »Es gibt Schlimmeres.« Vielleicht hat mich das Älterwerden doch ein wenig milder gemacht. Oder mir zumindest die Erkenntnis gegeben, dass jede CD einmal zu Ende geht. So war es an dem Abend ja auch. Und das Eurodance-Intermezzo blieb ohne Wiederholung.
Und warum erzähle ich das gerade? Weil mir ein paar der Lieder von der CD jetzt wieder untergekommen sind. In einer etwas anderen Form, allerdings. Geradezu herzeigbar. Aber seht (und hört) selbst:
Es ist schon ein paar Jährchen her, dass ich Rage against the machine live gesehen habe. Pfingsten 1993 war das, auf dem PinkPop-Festival im niederländischen Landgraaf. Bei YouTube kursieren Mitschnitte von der damaligen Fernsehübertragung, die in etwa erahnen lassen, wie sich das Erlebnis damals angefühlt hat. Ich habe seitdem eine Menge wütende Bands gesehen, aber nie wieder hat Zorn so wunderbar gebounced. Nach dem Auftritt fühlte ich mich wie von einer Büffelherde überrollt. Auf eine irgendwie schöne Art. »Anger is a gift.« Stimmt schon irgendwie.
Gestern ist mir dann bei Testspiel.de eine Videoaufnahme untergekommen, die belegt, dass das mit dem bouncenden Zorn wohl nicht von vornherein so gewesen ist. Man munkelt, der Film zeige den allerersten Auftritt von Rage against the machine. Komplett! (Womit der Herr in dem rotkarierten Hemd wohl der weltweite Vorreiter in Sachen »Bei RATM abgehen« wäre.) Der Funke springt nur sehr spärlich zum Publikum über. Trotzdem macht es Spaß, die ganzen Lieder, die wenig später meinen Arsch getreten haben, in ihren Frühfassungen zu hören. Und nur um mal einzuordnen, wie schnell das bei denen damals gegangen ist: Zwischen dem Video da oben und dem hier unten liegen gerade einmal anderthalb Jahre.
Heute feiert nicht nur die amerikanische Unabhängigkeit ihren Geburtstag. Auch ein enger Freund des Hauses wird auf einen Schlag ein ganzes Jahr älter. Und weil der auf diesen Seiten schon mehrfach erwähnte Thomas so ein großer Fan von Dinosaur Jr ist, lassen wir ihm von Herrn Mascis und Konsorten gleich fünf Ständchen bringen. Quasi als kleinen Vorgeschmack. Denn morgen schnappen wir uns den Thomas und fahren mit ihm nach Antwerpen. Und alle so: Yeah!
Die Ständchen: ein großartiger Auftritt bei MTV aus dem Jahr 1994. Damals hatten Thomas und wir auch schon Geschmack.
Die Älteren unter Euch werden sich sicher noch an die Zeiten erinnern, als Computer noch wie Butterbrotdosen aussahen – mit einer Leistungsfähigkeit, mit der sich heutzutage kein Smartphone vor die Tür wagen würde. Um sich daran zu erinnern, dass ich trotz dieses scheinbaren Makels Spaß mit diesen Kisten hatte, muss man hingegen nicht ganz so alt sein. Das habe ich ja neulich erst erzählt. Als 8bit-Genießer geoutet, brauche ich gar nicht mehr lange ausholen. Hier kommen zwei Videos, die mir in den letzten Tagen untergekommen sind und auf Anhieb gefallen haben. Das erste der beiden hat Malte bei Facebook rumgezeigt. Danke dafür. Und los.
Sehen, wir den Tatsachen ins Auge, liebe Altersgenossen: Wir alle haben die späten 80er und frühen 90er Jahre zu dem Style-Verbrechen gemacht, das diese Zeit nun einmal war. Wir haben pastellfarbene Polohemden getragen und Sweat-Shirts mit Neonaufdruck, wir krempelten die Ärmel hoch und die besonders Schmerzfreien unter uns knoteten sich sogar Pullover um die Schultern. Aus der Nummer kommt so gut wie niemand raus. Wie ich jetzt feststellen musste, sind sogar diejenigen schuldig zu sprechen, die wir im Rückblick als rühmliche Ausnahmen verklären. Sie waren es schlichtweg nicht. Beispiel gefällig? In diesem Video – im August 1990 von einem Mann namens Matt Cornell in San Francisco aufgenommen – spielen Sonic Youth das Lied »The Bedroom«. Und Thurston Moore hat das T-Shirt akkurat in die weiße Jeans gesteckt. Mit besten Grüßen von Sonny Crocket. So wäre heutzutage kein Indie-Blumentopf mehr zu gewinnen. Mit der Musik allerdings schon.
Ich habe Augenzeugen befragt und Fakten mit Erinnerungen abgeglichen. Hier ist das Ergebnis: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist das dort oben das allererste Spiel gewesen, das ich jemals auf dem Tivoli gesehen habe: Alemannia Aachen gegen die Stuttgarter Kickers. Zehn Jahre alt war ich damals. Was in meinem Hinterkopf hängen geblieben ist, habe ich mich seinerzeit mehr mit den Leuten beschäftigt, die um mich und meinen Vater herumstanden, als mit dem Fußball an sich. Da schwingen wilde, bärtige Männer riesengroße schwarz-gelbe Fahnen vor meinem inneren Auge. Kuttentragende Halbstarke gröhlen Unanständigkeiten. Als das Tor fiel, wurde aus dem ständig vorhandenen Grundrauschen purer Lärm. Es war wundervoll. Und bei meinen nächsten Besuchen wurde es sogar noch besser.
Auch wenn ich im Grunde schon vor zwei Jahren Abschied genommen habe, vermisse ich den Tivoli immer noch. Bisher war das gar nicht so schlimm. Immerhin lag der alte Kasten auf meinem Weg zum neuen Stadion. Ein Blick hinauf zu den Flutlichtmasten reichte schon, um eine Menge gute Erinnerungen zu wecken. Und Fußball gab es auf dem Tivoli schließlich auch noch. Ich bin nicht so oft hingegangen, wie ich es mir vorgenommen hatte, aber von Zeit zu Zeit habe ich es doch geschafft, unserer zweiten Mannschaft einen Besuch abzustatten. Das ist jetzt aber auch vorbei. Zwei Spielzeiten nachdem die Profis umgezogen sind, packen die Amateure ebenfalls die Kisten. Am Samstag rollt zum letzten Mal der Ball über die alte Kampfbahn. Schwarz-Weiß Essen wird der letzte Gegner sein, der dort mit der Alemannia um Punkte ringt. Und gleich im Anschluss findet noch ein Freundschaftsspiel zwischen einem aus Fans gebildeten Team und der Traditionsmannschaft statt. Ein finaler Doppelpack. Dann ist es endgültig vorbei. Wer später auch einmal erzählen möchte, dass er auf dem Tivoli Fußball gesehen hat, oder wer gerne alte Männer weinen sieht, sollte sich diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.
Ist das denn zu glauben?! Da horte ich monatelang zwei Videos in meinen Lesezeichen, um sie am Star Wars Tag unter das Volk zu bringen, und dann vergesse ich die beiden einfach. Ein Jahr warten kommt aber nicht in Frage. Zumal die Filmchen auch ohne Anlass durchaus herzeigbar sind. Hier sind sie also.
Zuerst durchkämmt Darth Vader die Servicewüste Todesstern-Kantine. Zumindest versucht er es.
Und weil Vader gerade so gut drauf ist, darf er direkt noch einen nachlegen. In diesem Werk hat man ihm eine andere Tonspur untergeschoben: die des Gangsterbosses Bricktop aus »Snatch«. Der dunkle Lord flucht sich in schönstem Cockney über den Todesstern. Ein absoluter YouTube-Favorit von mir. Now go and put the kettle on.
Konzerte von alten Lieblingsbands zu besuchen, wird zunehmend zu einer riskanten Geschichte. Vergangenen Herbst, zum Beispiel, habe ich Samiam nach Jahren noch einmal gesehen. Und die hatten so offensichtlich die Rente durch, dass mir mitten während der Vorstellung nur noch ein Gedanke im Kopf herumflog: »Junge, sind die alt geworden. Ich aber auch!« Am Ende war ich regelrecht sauer auf die Band, diese Erkenntnis in mir geweckt zu haben. Deren Platten habe ich seitdem kaum noch angepackt. Klarer Fall von »gute Erinnerungen nachträglich zertrampelt«. Aber so ein Wiedersehen kann auch anders laufen. Ganz anders. Etwa so wie vorgestern.
Da waren Piebald in Köln, genauer gesagt im »Blue Shell«. Und der Abend war großartig. Auf der Bühne eine Handvoll sympathischer Herren, davor ein zwar überschaubarer, dafür aber komplett euphorisierter Haufen Menschen. Die Band hatte so was von Lust aufs Musikmachen, dass sie sich und uns dieses alberne »So, wir sagen jetzt das letzte Lied an, gehen dann, Ihr ruft nach uns, wir kommen zurück und spielen weiter«-Zugabespielchen ersparten und nach einem ersten bunten Strauß schöner Melodien einfach unaufgefordert weitere Lieder anhängten. Am Ende hatten sie in knapp anderthalb Stündchen einmal durch ihre komplette Diskographie gepflügt und (fast) alle meiner persönlichen Hits gespielt. Zu keinem Zeitpunkt habe ich »Mensch, bin ich alt!« gedacht, eher so: »Geil, endlich wieder 25!« Nicht, dass ich durchgehend scharf auf dieses Alter wäre. Aber für so einen Konzertabend ist das schon eine feine Sache.
Gerade erst neulich habe ich hier eine Doku verlinkt, die sich mit dem späten Punk und der frühen Zeit danach befasste. Jetzt habe ich ein weiteres Werk zu dem Thema entdeckt – im Gegensatz zum 1980 gedrehten Film aber aus der heutigen Sicht. Und mit der Weisheit von 30 Jahren dazwischen bietet diese Doku eine prima Ergänzung zu der anderen. Rohe Schilderung aus dem Mittendrin da – Rückblick, Bewertung und O-Töne von gealterten Protagonisten hier. Zudem nimmt dieser erste Teil der arte-Reihe »Welcome to the 80’s« (Weitere Teile finden sich im YouTube Kanal von coxe68.) auch den deutschen Zweig des Postpunk unter die Lupe – Ausverkauf via Hitparade, inklusive. Um es mit den Specials zu sagen: »Enjoy yourself, it’s later than you think.«