Sorgen, nichts als Sorgen
Politische Lyrik in der Kita
Du, Kind im städtischen Kindergarten und der elterninitiierten Kita.
Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Krakel-Bilder mehr malen und keine Faxen mehr machen, sondern Politische Lyrik rezitieren und Gedichte interpretieren, dann gibt es nur eins:
Sag Ok!
Seltsam, das Elternleben. Selbst wer nie großer Bedenkenträger war, ertappt sich früher oder später beim Sorgenmachen. Da gibt es natürlich die Ängste vor dem Super-GAU: Bringt er sein Laufrad wirklich vor der stark befahrenen Kreuzung zum Stehen? Wird sie den Sturz vom Erlebniskletterturm überleben? Nicht zu reden von schlimmen Krankheiten und bösen Menschen. Diese Ängste sind gewissermaßen die elterliche Pflichtübung und auch für Nicht-Eltern nachvollziehbar.
Interessanter ist das, was man die Kür der Eltern-Sorgen nennen könnte. Das sind die kleinen, alltäglichen. Sie sind nicht ganz so naheliegend und verlangen vom Elternteil einen gewisse Bereitschaft, Kausalzusammenhänge zu sehen/herzustellen. »Welche Konsequenzen könnte Szenario A, B oder C für das Wohlergehen meines Kindes haben?« Diese Kausalketten können ex ante gebastelt werden (»Wenn ich Kaseiopeia nun die von ihr verlangte Schokolade gebe, wird sie durch den hohen Blutzuckerspiegel total aufgepusht sein, womit ihr Mittagsschlaf und meine Ruhe hinfällig sind.«) oder ex post (»Blue Eye Johnny ist heute so aufgekratzt, weil gestern seine Oma zu Besuch war. Oder liegt es vielleicht doch an »Apocalypse Now«, den wir in der Redux-Version gesehen haben?«
Dabei wächst die Sorge, die richtige Entscheidungen getroffen zu haben, mit der Fristigkeit. Die Frage danach, ob die Grünkernbratlinge beim Bioladen oder im SB-Discounter eingekauft werden, lässt sich jeden Tag aufs Neue beantworten. Die Wahl des Kindergartens jedoch, bedeutet für das eigene Fleisch und Blut im schlimmsten Fall vier Jahre Verdammnis.
Bei uns gilt es hier einen Erfolg zu vermelden. Seit Mai besucht unser Sohn eine städtische Institution. Obgleich wir das Klima als sehr angenehm empfinden, waren wir uns in unserer elterlichen Grundskepsis dennoch nie ganz sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben. Bis ich vor kurzem obige Zeichnung meines Sohnes entdeckte. Nichts besonderes, typisches Dreijährigengeschmiere, mag der unbeteiligte Beobachter denken und damit vollkommen recht haben. Es ist die Rückseite, die bemerkenswert ist. Ein Textblatt zu Politischer Lyrik.
»Dann gibt es nur eins!« Das Vermächtnis des Pazifisten Wolfgang Borchert, das dieser 1947 kurz vor seinem Tod verfasst hat.
Die Kinder malen drauf los, nicht ahnend, dass ihnen ganz beiläufig Kultur mit politisch korrekter Botschaft untergeschoben wird. Subtile Pädagogik könnte man das nennen. Es mag Einbildung sein, aber ich meine festzustellen, dass die Atmosphäre im Kindergarten unseres Sohnes eine Spur friedfertiger ist als in vergleichbaren Einrichtungen. Und wenn jetzt irgendein Militarist schimpft, die Kinder würden pazifistisch indoktriniert, dann sage ich, jetzt sind halt mal die Pazifisten mit dem Indoktrinieren dran. Das wird sich auch wieder ändern.
Amien unter bewusst



