What´s your perversion?
Obsession für 300 bitte.
»Passend geben«. Des einen Last, des anderen Lust. Für mich ist die Aussicht darauf, mit weniger Kleingeld den Laden zu verlassen, als ich ihn betreten habe, eine Leidenschaft. Wobei dieser Begriff ein wenig verharmlost. Genauer betrachtet sollte man von einer Obsession sprechen. Wie sonst ist zu erklären, dass ich bei einem Einkauf bereits im Laden die Preise addiere, um dann, sofern es die Kassenschlange zulässt, zu schauen wie viel Münzgeld ich dabei habe. Dabei laufe ich stets Gefahr von einer übereifrigen Kassiererin, die mir keine Mühe machen will, überrumpelt zu werden, indem sie meinen »hab´ ich passend«-Einwurf gar nicht abwartet, sondern sofort das Wechselgeld für alle nur denkbaren Scheinvarianten bereit hält. Um dieser dem Zeitdruck der Kassiererinnen geschuldeten Entwicklung entgegenzutreten, bin ich dazu übergegangen, zuerst die mühsame Kleingeldklauberei hinter mich zu bringen bevor ich der Dame auch nur den kleinsten Blick auf mein Geldscheinreservoir ermögliche. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht mit ein wenig Kleingeld aushelfen könnte.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, eine Anekdote zu erzählen, die sich vor Kurzem in einem SB-Warenhaus zugetragen hat. Ich stand an der Kasse und sollte 6, 07 € bezahlen. Ich hatte den Preis natürlich bereits errechnet und wusste mich im Besitz eines 10-Cent-Stücks (wenn ich noch eine 1-€-Münze gehabt hätte wäre mein Glück perfekt gewesen). Ich zückte in Gedanken schon den 10-€-Schein und sagte zur Kassiererin: »Ich habe 10 Cent. Wenn Ihnen das hilft?« Ohne Aufzuschauen sagte sie: »Ich glaube das hilft eher Ihnen.« Es mag sein, dass es kurz vor Ladenschluss war und sie in Anbetracht der bevorstehenden Abrechnung ihre Kasse nicht mit unnötigem Kleingeld belasten wollte, aber ich fühlte mich ertappt. Hatte diese Dame meine jahrelang im Geheimen und unter dem Deckmantel der Kassierinnenfreundlichkeit gelebte Sucht entlarvt? Hatte ich inzwischen einen solch starren Blick beim Kopfrechnen und Geldbörsenkramen, dass dieser mich schon von weitem als Kleingeldjunkie auswies? Ich bin mir bis heute nicht sicher, erinnere mich aber aus Scham mit einem 50-€-Schein bezahlt und die 10-Cent-Münze unauffällig fallen gelassen zu haben.
Mein Therapeut hat mich inzwischen dazu gebracht, häufiger via Internet zu bestellen oder mit Karte zu zahlen. Nur noch ganz selten schaue ich bei meinen Kontoauszügen zuerst auf die Stellen hinter dem Komma. Ehrlich. (Bildquelle: Flickr)
P.S.: Wer jetzt sagt, »Hör mal Amien. Das ist ja wohl ziemlich krank mit deiner Kleingeldsucht«, der hat wohl noch nie was vom Lyrischen Ich gehört.
Amien unter bewusst
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26. Mai 2009 um 17:19
Und ich dachte, ich wäre alleine auf der Welt.
Bei 7,75€ ist 8,25€ natürlich eine Hilfe, auch, wenn es die Kassiererin nicht so sehen will (“Ach, sie wollen sicher 50 cent zurück?! Nee, 3 Euro, aber das bringt sie dann ja in Schwulitäten”) oder gar in bewussten Widerstand tritt (indem sie fünf 10-cent-Stücke zurück gibt, sicher auch aus obsessiven Gründen).
Will sagen: Leere Kleigeldfächer sind schlichtweg ästhetisch und befreiend (Ein Montagmorgen mit drei Cent-Stücken, der ollen D-Mark und dem Einkaufswagenchip im Fach runden ein gelungenes Wochenende erst ab, herrlich!). Sagt übrigens auch mein Therapeut, der sich dann aber dann doch im Großgeldfach bedient. Sicher auch aus Leidenschaft…
26. Mai 2009 um 18:59
Vielleicht finden wir noch eine 3. Person, dann machen wir so ein Gruppending. Judith hat mich übrigens darauf aufmerksam gemacht, dass das Ganze ein Teufelskreis ist. Kaum hat man das Kleinzeugs weg, muss man ja wieder mit Scheinen zahlen. Vollkommen logisch und naheliegend. Die Tatsache, dass ich diesen Aspekt bisher nicht bedacht habe, sagt vermutlich einiges über den Schweregrad meiner “Erkrankung” aus.
26. Mai 2009 um 22:28
Ich seh das eher als ein nie enden wollendes Geschenk, das Rennen um die Ästhetik eines leeren Portemonnaies stets von Neuem starten zu dürfen. Ich bin eigentlich stets bemüht, mich münzmäßig schadlos zu halten, ein Streben im besten faustschen Sinne, ich seh da keinen Sysyphos.
Ich halt mal die Augen an der Kasse offen (man erkennt “uns” ja in der Schlange ganz gut…) und sprech – bei auch sonstiger Sympathie – die Person an. Ich kenn einen, der seine kompletten Münzen abends immer aussortiert, weil er sie fies findet, der scheint mir symptomverwandt, aber ohne den nötigen Ehrgeiz. Aber vielleicht gibts da ja noch mehr von “uns”.
Denn: 8,32€ ist natürlich eine Erleichterung, wenn man 7,81€ bezahlen muss, das wissen schließlich nicht nur wir….
26. Mai 2009 um 23:16
“…scheint mir symptomverwandt…” könnte man allein schon wegen des Verbs problemlos auf Eure Grunderkrankung “münzen”. Mach ich aber nicht. Stattdessen eine Weisheit aus dem Waschsalon: Wer Kleingeld leichtfertig weg gibt, hat garantiert eine Waschmaschine zu Hause.
27. Mai 2009 um 21:58
… und ‘n karierten Einkaufs-Trolley (Supermarktweisheit).
27. Mai 2009 um 22:26
Meine Therapieempfehlung für die Thomas-Amien-Selbsthilfegruppe: Mit einer Handvoll Ein- und Zwei-Cent-Münzen in die Niederlande zum shoppen fahren (Die nehmen da kein Rotgeld mehr)und dann mit maximalem Suchtdruck ins Gruppengespräch einsteigen.
27. Mai 2009 um 22:27
Was ich noch sagen wollte: Bekomme regelrecht Panik, wenn kein Kleingeld im Portemonnaie ist. Habe vorsorglich in Hosen-, Jacken- und Tragetasche Münzvorräte angelegt (Sorry, Amien, weiß jetzt auch nicht, was das über uns aussagt). Kaufe im Notfall (nur noch 20 Euro „in klein“ da) für „20 Cent von der 13“ und bezahle mit 50 Euro. Bitte dann die Kioskfrau mir für den Parkscheinautomat mindestens 20 Euro noch in Münzen auszuhändigen.
Bei der Einführung des Euro habe ich bestimmt 30 Cent äh Wochen hinter dem 5-Mark-Stück hergetrauert. Bin ich auch krank?