Politischer Journalismus der Lanzschen Art

Foto: Schröder+Schömbs PR
»Was mache ich, wenn ich keine Ahnung von Politik habe, in meiner Talkshow aber trotzdem hin und wieder Politiker auftauchen?« Diese Frage dürfte sich der italienische ZDF-Kasper Markus Lanz ziemlich häufig stellen. Zuletzt am vergangenen Donnerstag als NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ihre Aufwartung im Studio machte.
In einer Situation übrigens, in der sich jeder politische Journalist die Finger danach lecken würde, Kraft zu interviewen. Nach 20 Monaten ist die rot-grüne Minderheitsregierung gescheitert. Und zwar in Folge einer dramatischen Entwicklung, an deren Ende die Ablehnung des Haushalts sowie die Auflösung des Parlaments stand. Am 13. Mai stehen nun Neuwahlen an, die wohl zu den spannendsten politischen Entscheidungen des Jahres gehören werden. Alles interessante Themen, über die man differenziert hätte sprechen können. Dass dies keine gangbare Option für den Fernsehkoch Lanz ist, war im Prinzip vorher klar. Dennoch ist das was er dann vor laufenden Kameras abzog erschreckend. Vor allem weil das als investigativer Polit-Talk maskierte Schwätzchen mit Frau Kraft dumpfesten Politikervorurteilen Vorschub leistet und zur Politikverdrossenheit beiträgt.
Im folgenden das Lanzsche Patentrezept zum Gespräch mit Politikern, ohne Ahnung von Politik zu haben:
Alibifragen:
Wenn man Frau Kraft im Studio hat, gibt es ein paar Themen, die man nicht komplett unter den Tisch fallen lassen kann (siehe oben). Das hat dann wohl auch Herr Lanz oder wohl eher jemand aus seiner Redaktion gemerkt. Also fragt der Südtiroler artig danach, wie das denn kam, das mit den Neuwahlen in NRW. Frau Kraft erklärt, dass die Situation sich vor der zweiten Lesung durch eine neues Rechtsgutachten zugespitzt habe. Die Landtagsverwaltung vertrat die Auffassung, dass eine Ablehnung der Einzelhaushalte einer Ablehnung des gesamten Haushaltes gleichkäme und somit eine dritte Lesung hinfällig wäre. Auf diese hätten sich aber sowohl Rot-Grün als auch FDP und Linke konzentriert, um noch zueinander zu kommen. Sowohl Liberale als auch Linkspartei hätten in der Annahme, dass es in der zweiten Lesung um nichts ginge, vollmundig erklärt, dem Haushalt nicht zuzustimmen und seien dann aus der selbstgestellten Falle nicht mehr heraus gekommen. Also kein Haushalt, Auflösung des Parlaments und Neuwahlen.
Ein zugegeben nicht ganz einfacher politischer Vorgang, den Kraft aber so deutlich wie möglich erklärt hat.
Und was macht Lanz?
Sich mit dem dümmsten anzunehmenden Zuschauer verbrüdern:
Lanz hört sich den ganzen Kladderadatsch an und sagt dann: »Was ich sensationell finde ist, ich höre ihnen sehr interessiert zu und habe bis jetzt nicht ein Wort verstanden.«
»Natürlich hat er das verstanden«, denkt sich der routinierte Zuseher. »Er ist ja Moderator, hat sich vorbereitet und nutzt diese Anmerkung nur, um zu zeigen, dass er der Anwalt des dümmsten anzunehmenden Zuschauers (DAZ) ist.«
Man sitzt also vor dem Fernseher und wartet darauf, dass Lanz nachfragt, damit DAZ die Vorgänge versteht. Im Sinne des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags.
Und was macht Lanz?
»Geht Ihnen das auch so im Saal?«, fragt er das Studiopublikum und erntet Applaus.
Keine Nachfrage, die das Verstehen ermöglicht, sondern Populismus. Jetzt wendet Lanz sich einem anderen Talkgast zu.
Schützenhilfe von einem politischen Journalisten einholen:
Der heißt Claus Strunz und war früher mal Chefredakteur bei der Bild am Sonntag.
Lanz: »Es zeigt, wie kompliziert Politik ist, oder Herr Strunz? Können Sie noch mal zusammenfassen, was die Künstlerin gerade sagen wollte?«
Da sind wir aber gespannt.
Strunz: »Eine Stimme zu wenig reicht halt nicht. Wenn man ein politisches Projekt durchbringen will, dann braucht man eine Mehrheit.«
Mensch, so einfach kann man das rüberbringen.
Strunz wäre aber nicht Strunz, wenn er nicht auch noch eine grundsätzliche Diagnose nachschieben würde: »Das ist schon ein Grund, warum viele Menschen sich von Politik nicht mehr angesprochen fühlen, oder sich vielleicht sogar von ihr abwenden.«
Damit ist für Lanz und Strunz das Thema erledigt.
In ähnlicher Manier werden weitere Themen abgehandelt: Alibifrage, populistische Zuspitzung, weiter im Text.
All das ist allerdings nur das Aufwärmprogramm für die Lanzsche Königsdisziplin.
Personality:
Die einfachste Möglichkeit, um von mangelnden politischen Sachverstand abzulenken, ist, auf Personaldebatten abzuzielen. Und mit Menschen kann der Lanz ja. Was Kraft denn von Norbert Röttgen halte und seiner Berlin-Düsseldorf-Zauderei. Und wie sie Christian Lindner finde.
Und dann bearbeitet Lanz im Zusammenspiel mit Strunz die Ministerpräsidentin Kraft zehn Minuten lang, um ihr bundespolitische Ambitionen oder zumindest etwas zur Kanzler-Frage zu entlocken.
Im folgenden eine chronologische Auflistung der Fragen, deren Beantwortung so gut wie keinen Erkenntnisgewinn brachte:
»Wann gehen Sie denn in die Bundespolitik?«
»Werden Sie 2013 dennoch möglicherweise als Kanzlerkandidatin zur Verfügung stehen?«
»Was ist wenn doch, wie erklären Sie das dann?«
»Sie sagen, Sie würden keine Kanzlerkandidatin, aber Sie habe nie gesagt, dass Sie nicht Bundesministerin werden.«
»Was ist denn 2017?«
»Wir erhöhen auf 2021.«
»Warum denn nicht?«
»Unter wem wären Sie gerne Ministerin?«
Kraft: »Ich kann mit allen dreien gut.«
»Ihre Körpersprache sagt gerade etwas anderes.«
Strunz: »Was ist, wenn der Parteichef Gabriel nach einem grandiosen Wahlerfolg in NRW auf Sie zukommt und sagt: Hannelore, mach es!«
Strunz: »Wenn Sie nicht auf die Bundespolitik schielen würden, dann wären Sie ja gar nicht hier im ZDF, sondern in einer Regional-Talk-Show beim WDR.«
Lanz: »Sie machen sicherlich die Merkel. Sie werden mit Sigmar Gabriel frühstücken, ihn 2013 ins offenen Messer laufen lassen und 2017 selber antreten.«
Kraft antwortet immer mit Nein und bekennt sich zu NRW. Nur für den Fall einer Wahlniederlage räumt Sie ein, dass für selbige wohl die Verantwortung übernehmen müsse und nicht als Oppositionsführerin in Düsseldorf bleiben könne. »Dann muss ich schauen was ich mit meinem Leben mache.«
Das nimmt Lanz zum Anlass, ihr vorzuwerfen, Sie mache den Röttgen.
Und am nächsten Tag waren die Medien voll mit dem von Kraft vergeigten Wahlkampfauftakt. (Der wird dann wohl neuerdings bei Lanz gegeben.)
Die arme Frau Kraft, mag man jetzt denken.
»Nein, das geschieht Ihr recht«, sage ich. Denn ihr Auftritt war Kalkül. Sie hatte gehofft, bei Lanz genau so gepampert zu werden, wie zuvor die FDP-Männer Rösler und Kubicki und deshalb die Lanz-Show einem Auftritt bei einer einigermaßen seriösen Sendung vorgezogen.
Ach so, wer sich das Elend noch einmal in Echtzeit antun will, findet hier den Link zur ZDF-Mediathek. (Bildquelle: Flickr, veröffentlicht unter CC BY-ND 2.0)
