Mostly tha voice
Liebe auf den zweiten Blick
Woran erkennt man, dass man älter wird? Unzählige Abhandlungen und Top-Ten-Listen beschäftigen sich mit dieser Frage, der ich nun eine weitere Antwort hinzufügen kann: Musikalische Heroen sterben. Und zwar keine spektakulären Rockstartode mit Schrotflinte oder Erbrochenem, sondern einfach so. Natürlich, profan.
Zu meinem 22. Geburtstag wurden mir zwei Eintrittskarten zu einem Konzert von Gang Starr geschenkt. Ich hatte trotz ausgeprägter Hip-Hop-Affinität noch nie von der Band gehört. Also ließ ich mir von meinem Bruder das damals aktuelle Album »Hard to Earn« schenken und bereitete mich akribisch vor. Ich weiß noch, dass mich die Platte nicht wirklich vom Stuhl gerissen hat und zwei Wochen vor dem Konzert die Tour abgesagt wurde. Als Ersatz gab es Karten für das PinkPop (mit Danzig, Slash´s Snakepit und den überragenden G Love and the Special Sauce) und Gang Starr beschäftigte mich nicht mehr. Beziehungsweise ich nahm an, dass sie mich nicht mehr beschäftigten.
Es gibt Platten, die man kauft, hört und weiß, dass man ohne sie nicht mehr leben kann. Man weiß, dass diese CD einen bis ans Ende begleiten wird. Als Beispiel nenne ich das Debüt von Rage against the machine.
Dann gibt es Platten, die man kauft, hört und glaubt, ohne sie nicht mehr leben zu können. Der Unterschied zur ersten Kategorie stellt sich erst im Lauf der Zeit heraus. Nach einer Zeit der Heavy-Rotation wird man des Hörens müde, legt sie immer seltener auf und packt sie irgendwann gar nicht mehr an. Beispiel für solch eine enttäuschte Backfischliebe: Superunknown von Soundgarden.
Und dann gibt es Platten, die man kauft, hört und denkt: »Naja, brauchst Du nicht wirklich.« Man stellt sie in den Schrank und vergisst sie. Dann legt man sie irgendwann wieder auf und merkt wie die Platte wächst, vielleicht weil man selber gewachsen ist. Und dann legt man sie wieder auf und sie wächst weiter und wird erschreckend groß. Und irgendwann stellt man fest, dass man ohne sie nicht mehr leben kann. Dass sie einen bis ans Ende begleiten wird. Solche Entdeckungen sind noch schöner als die sicheren Kandidaten der ersten Kategorie, weil man keine Erwartungen hatte.
Der Prototyp dieser Kategorie ist für mich »Hard to Earn«. Immer häufiger legte ich die Scheibe auf, ohne mir dessen bewusst zu sein. Und plötzlich hörte ich die Musik. Richtig. Die spröden, zeitlosen Beats von DJ Premier. Die Samples, die teilweise nur aus einem Endlosloop von zwei Klaviertönen bestanden. Dazu kaum Hooklines, sondern die Reime von Guru, die rauh und monoton über die Beatstruktur flossen. Wahrlich ein Gifted Unlimited Rhymes Universal. Rap auf das Wesentliche reduziert. Diese Style-Reduktion diente der Vermittlung der Inhalte (Form follows content sozusagen. Nachzuhören beispielsweise auf »Tonz `O´ Gunz«) und war so konsequent, dass sie schon wieder Style war.
Nach der Entdeckung von »Hard to Earn« wurden Gang Starr und Guru zu einer musikalischen Konstante in meinem Leben. »Moment of Truth«, »The Ownerz« und die »Jazzmatazz«-Alben. Allesamt Meisterwerke, die intelligente, sozialkritische Reime für jede Lebenslage bereithalten, meinen Kopf stets am Nicken halten und auch nach Jahren noch für die Entdeckung des einen oder anderen sprachlichen Wortspiels gut sind. »You rookie motherfuckers it’s the finals not the playoffs«.
Zu der musikalischen Freude kam, dass Guru, der unter dem bürgerlichen Namen Keith Elam zur Welt kam, über street credibility verfügt. Und zwar nicht im Stile heutiger Rapstars, für deren Fans sich Cred in der Zahl der wirklichen oder eingebildeten Schusswunden auszudrücken scheint. Guru verdient sich die Glaubwürdigkeit mit seiner früheren Tätigkeit als Sozialarbeiter. Und mit der Tatsache, dass er auch mit seinem Erfolg den Blick nicht abwendet. Sich nicht als Sieger des Ghettokampfes, bei dem nur einer überleben kann, sieht, sondern weiterhin die Zurückgelassenen der Wohlstandsgesellschaft im Auge hat. Und die Ursachen für ihr Zurückgelassenwerden. Und genau das in seiner Musik thematisiert. Keine Homophopie, keine Frauenverachtung und keine pubertären Spielereien mit Tabus. Sondern lediglich die Wahrheit berichten. So wie er sie gesehen hat. Das war es wohl was Chuck D meinte als er Rap als the black man’s CNN bezeichnete.
Am 19. April 2010 verstarb Guru an den Folgen einer Krebserkrankung. Er wurde 43 Jahre alt. (Bildquelle: Flickr)
Amien unter den nägeln
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27. April 2010 um 22:46
Was wäre das wohl für ein Bericht geworden, wenn wir Dir damals keine Karten für Gang Starr geschenkt hätten, sondern für – sagen wir mal – Knarf Rellöm ?
29. April 2010 um 12:13
Wahrscheinlich gar keiner. Sofern sich am Gesundheitszustand von Knarf Rellöm in den letzten Minuten nichts Wesentliches geändert haben sollte, aber auf jeden Fall kein Nachruf.