Steine im Netz
Einen alten Spielkameraden neu entdecken
Als der dänische Tischler Ole Kirk Christiansen 1949 die ersten LEGO-Steine auf den Markt warf, dachte er wahrscheinlich in erster Linie an Kinder als Zielgruppe. Nicht zu unrecht. Früher hatte jeder, den ich kannte, sie ständig in den Händen. Etliche bunte und benippelte Steinchen haben ich und meine Freunde im Laufe unserer Kindheit auf- und nebeneinander gesteckt. Mal nach der Anleitung in der Packung, mal frei Schnauze. Dank LEGO haben wir ganze Welten erschaffen, die dann mit einer Horde gelbköpfiger Figuren bevölkert wurden. Irgendwo im Keller meines Elternhauses müsste noch ein riesiger Steinvorrat liegen. Seit vielen Jahren unberührt. Irgendwann bin ich einfach zu alt dafür geworden. Oder ich habe mich zumindest für zu alt gehalten. Bis uns das Internet wieder zusammenführte, haben LEGO und ich uns eine ganze Zeit nicht gesehen. Seitdem spielen wir wieder miteinander. Allerdings nicht ganz so wie früher. Eher eine besondere Variante von »Hase und Igel«. Wo immer ich hinsurfe, ist LEGO schon lange. Mein alter Spielkamerad ist im worldwide Web ein omnipräsenter Star. Denn viele Leute sind dafür nie zu alt geworden.
Etliche kreative Köpfe bauen weiter an ihren bunten Miniwelten, als wären sie nie in die Pubertät gekommen. Kaum ein Szenario, das sich im echten Leben bietet, bleibt unnachgestellt. Die Möglichkeiten scheinen unendlich. Mal lassen sich die Künstler von berühmten Plattencovern inspirieren, mal von legendären Fotos der Zeitgeschichte, Science-Fiction-Filmen oder Ölschinken alter Meister. Und außerhalb des Flickr-Universums geht der Spaß weiter. Geradezu spielerisch wird da beispielsweise Kritik an Amerikas »War on terror« geäußert. Oder missioniert. So hat ein selbsternannter Reverend sagenhafte acht Jahre damit zugebracht, Geschichten und Geschichtchen der Bibel mittels LEGO nachzubauen. Mit der »Offenbarung des Johannes« hat er sein Werk in diesem Sommer zum Abschluss gebracht.
Bei derart viel religiösem fotografischem Eifer wollen die Freunde der bewegten Bilder natürlich nicht zurückstehen. Manche Dinge funktionieren eben erst im Film so richtig gut. Das Nachstellen einiger Schlüsselstellen aus »Matrix«, zum Beispiel. Oder das Ausklappen dieses vier Kilo schweren Modells eines buddhistischen Tempels. Mein absoluter Favorit in dieser Kategorie ist und bleibt aber die Hommage an die guten, alten Videospiele der 80er Jahre. Da haben die Macher nicht nur 1500 Stunden Lebenszeit verbraten, sondern gleich noch zwei meiner liebsten Kindheitsfliegen mit einer Klappe geschlagen. Wer will bei soviel Klasse schon den LEGO-Streifen sehen, den Hollywood allem Anschein nach vorbereitet? Dann doch lieber den »Balancing Act« des Künstlers Walter Wick. Sorgsam stapelt der 117 Gegenstände auf nur einen Stein, um dieses Gebilde dann auf niedliche Art wieder einzureissen. »Construir para destruir« vom Feinsten.

© Jason Freeny
Und apropos »ein LEGO-Stein«: Mir war gar nicht bewusst, dass der kleine rote Einser, der damals so prima in die Nase passte, nicht bei jedem Menschen »roter Einser« heißt. Bis mir dieser Artikel von Giles Turnbull unter die Augen kam. In einer akribisch angelegten Tabelle hat der die Namensgebung für die verschiedensten Steine aufgelistet. Bei mehr als vier befragten Kindern und der Berücksichtigung aller existierender Steintypen hätte das leicht zum Lebenswerk werden können. Aber auch so ist die Message angekommen. Und neben Herrn Turnbull beschäftigen sich noch andere Menschen auf mehr oder minder sinnvolle Art mit LEGO. Je nach Veranlagung wird da ein voll funktionsfähiges Männlein gestrickt, ein anatomisches 3D-Modell erstellt oder eine Küche verschönert. Na ja, zumindest bunter gestaltet. Dass farbenfroh auch (oder vor allem) etwas zurückhaltender funktioniert, zeigt Jan Vormann mit seinem Projekt »Dispatchwork«. An diversen bröckelnden Ecken dieses Planeten haben er und seine Helfer eben diese Ecken durch dezente Baumaßnahmen aufgehübscht. In Anbetracht derart vieler unterhaltsamer Möglichkeiten spiele ich bisweilen ernsthaft mit dem Gedanken, in den Keller meines Elternhauses zu gehen und meinen alten Spielkameraden zu reaktivieren. Zu alt dafür wäre ich offensichtlich nicht. Bislang habe ich es aber bei »Hase und Igel« belassen. Macht ja irgendwie auch Spaß. (Bildquellen: flickr, flickr, brickbrothers)
Christoph unter haltsam
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