Blauäugig davongekommen
Hinterfragen kostet nix nur Zeit.
Das Internet. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2009. Noch immer scheint es Menschen zu geben, die glauben, im weltweiten Netz die Wahrheit finden zu können. Und nichts als die Wahrheit. Naivität ist ja auch grundsätzlich niemandem vorzuwerfen. Wenn man damit allerdings hausieren geht, kann das leicht im Fettnäpfchen enden. Ein schönes Beispiel für solch peinliche Momente wurde gestern Abend geboten. Da stellten »Rheinische Post« und »Bild« eine Eilmeldung online, die sie kurz zuvor auf der Homepage von Schalke 04 entdeckt hatten: »Kevin Kuranyi gefeuert.« Eine Sensation. Wenn es denn gestimmt hätte. Hat es aber nicht.
Beide Blätter waren lediglich Spaßvögeln auf den Leim gegangen, die diese Nachricht erst aus- und sich dann auf der Seite der Königsblauen eingehæckt hatten. Mit dem Dementi kam nach einer knappen halben Stunde das böse Erwachen. Und um von der eigenen Gutgläubigkeit abzulenken, wurden die ganz schweren Geschütze aufgefahren. Statt den Fehler in aller Demut richtig zu stellen oder einfach tot zu schweigen, machte man aus dem Dumme-Jungen-Streich einen »Hacker-Angriff« voller »krimineller Energie«. Laut geschrien ist halb gewonnen. Dabei hätte ein simpler, rückversichernder Anruf bei einem der Schalker Verantwortlichen gereicht, um diese Blamage zu verhindern.
Derart einfache Vorgänge scheinen in der schnellebigen Medienwelt aber nicht mehr das Mittel der Wahl zu sein. Der frühe Reportervogel fängt den exklusiven Nachrichtenwurm. Aus welchem Boden er diesen zieht, ist dabei gleich. Als zu Wochenbeginn der neue Bundeswirtschaftsminister vorgestellt wurde, bekleckerten sich diverse Zeitungen und Magazine nicht gerade mit Ruhm. Von »taz«, über »Spiegel« und »Süddeutsche« bis hin zum »Handelsblatt« stürzten sich alle auf die reichhaltig vorhandenen Vornamen des Mannes. Dass »Bild« das Ganze auf den Titel hob, muss eigentlich nicht gesondert erwähnt werden. Dass selbst die »heute«-Redaktion den Spaß mitmachte, dagegen schon. Oder frei nach Pontius Pilatus: »Findest Du es pesonders komich, wenn ich ihn sage, diesen Namen? Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.« Ehrlich gesagt: Ja. Vor allem, wenn sich ein klitzekleiner Fehler eingeschlichen hat, der klar macht, woher Berichterstatter heutzutage ihre Informationen beziehen.
Denn der Wilhelm in dieser Aufzählung entstammt lediglich einer »kleinen Chelmerei« (nochmal Pontius Pilatus), die ein unbekannter Scherzkeks bei Wikipedia verübt hatte. Als sich »Anonym« tags darauf ob des überragenden Medienechos gezwungen sah, »auszupacken«, war das Geschrei groß. (Einen sehr passenden Kommentar dazu findet man bei Stefan Niggemeier.) Besonders niedlich kam die Reaktion der »taz« daher: »Ist auf Wikipedia also kein Verlass?« Auf eine Enzyklopädie, in die jeder nahezu alles eintragen kann? Das ist doch hoffentlich eine rhetorische Frage. »Wär’ schade drum.« Wohl doch keine rhetorische Frage. Bei derart offen vorgetragener Naivität ist es beinahe verwunderlich, dass niemand über den Meinungsumschwung bei Wolfgang Schäuble berichtet hat. Immerhin war auf der Homepage des Bundesinnenministers am Dienstag plötzlich ein Link zu finden, an dessen Ende sich kritisch mit der Vorratsdatenspeicherung auseinandergesetzt wird. Ein weiterer Streich eines weiteren Internet-Rabauken, die derzeit Hochkonjunktur zu haben scheinen. Und denen nicht nur Redakteure auf den Leim gehen. So feierte RP-online-Leser »omega11« die gestrige Entlassung des »Unruheherdes« Kuranyi als »konsequent und mutig«. Blauäugig durch das Internet zu stolpern kann offensichtlich auch glücklich machen. Für eine knappe halbe Stunde. (Bildquellen: medienrauschen, bildblog)
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13. Februar 2009 um 09:41
Das heißt also man sollte immer misstrauisch sein. Dann werde ich demnächst mal investigativ in deinen Perso schauen, um zu checken ob du uns jahrelang bezüglich deines zweiten Vornamens hinters Licht geführt hast.
Amien Mohammed Idries
13. Februar 2009 um 10:02
Lieber Herr Christoph Wilhelm Maria Löhr,
ich würde Ihnen ja gerne glauben, aber woher nehme ich die Gewissheit …
13. Februar 2009 um 15:05
@Amien: Vielleicht stimmt nicht einmal der erste Vorname.
@Judith: Das macht Dich zur Miss Trauen 2009.
13. Februar 2009 um 15:37
Trauen in der Lüneburger Heide?
10. März 2009 um 07:23
Besser spät als nie? In der aktuellen “Zeit” wird die Geschichte um Herrn von und zu Guttenberg noch einmal aufgegriffen. Und mit dem Abstand von dreieinhalb Wochen ist aus dem “Wilhelm” ein “Heinrich” geworden. Dann doch lieber nie als spät und falsch.