Feb 11 2009

Absolutely böse

Auf ein zweites Mal

evil knievel

© sony bmg

Was hatten wir den 16. April 1996 herbeigesehnt:  Erscheinungstag des neuen Rage against the machine-Albums »Evil Empire«. Gut drei Jahre waren seit dem selbstbetitelten Debütalbum vergangen, das die recht überschaubare musikalische Welt meines Freundeskreises förmlich weggeblasen hatte. Musikalisch sozialisiert in den 80er Jahren hatten wir Kim Wilde, Duran Duran und Modern Talking überlebt. Das wohl nur, weil es für jeden  von uns persönliche Musikhelden gab, die ihn durch diese dunklen Zeiten begleiteten. Depeche Mode, Talk Talk oder The Smiths waren die Retter in der musikalischen Not. Ich selber hatte Prince als musikalischen Strohhalm gewählt und kann auch heute noch mit einem gewissen Stolz auf mein erstes Album »Sign of the Times« verweisen (Erste Single: »When the going gets tough« von Billy Ocean. Autsch).

YouTube Preview ImageKontakte zur härteren musikalischen Gangart hatte es zwar schon vor RATM gegeben. Zu den Beastie Boys etwa mit ihrem Crossover-Hit »Fight for your right« oder zu Manowar, deren »Fighting the World« erste zaghafte Moshpitversuche hervorrief. Auch Napalm Death und Metallica waren ziemlich gut gelitten. Doch erst »Rage against the machine« entwickelte sich, zumindest in meiner Erinnerung, zum ersten Konsensalbum. Das war aber auch eine Polit-Breitseite, die von den Herren Zack de la Rocha, Tom Morello, Tim Commerford und Brad Wilk auf sämtliche Jugendheime der westlichen Hemisphäre abgefeuert wurde.

Wirklich alle fanden die Platte gut. Wenn es die Texte auch nur teilweise verstand, so spürte doch jedes frustrierte Mittelstandskid tief in sich eine ebenso große Wut auf die Maschine wie die kalifornischen Musiksozialisten. Verstohlen flüsterte man sich auf dem Schulgang ein »Anger is a gift« zu oder steigerte sich gemeinsam mit Zack de la Rocha in eine »They say jump and you say how high«-Kaskade hinein. Alles mit einer Emphase, die ihresgleichen suchte und einer vorbewussten Ahnung, dass es vermutlich nie wieder so einfach sein würde, dermaßen inbrünstig und naiv wütend zu sein. Diese Ahnung sollte sich bestätigen.

Vermutlich musste die zweite Platte enttäuschen. Mit Erwartungen, die aufgrund der langen Wartezeit vollkommen übersteigert waren (damals bekam man Musik wirklich erst dann wenn die Plattenfirma das wollte) und auf der Suche nach diesem speziellen Gefühl, das sich beim ersten Hören des Vorgängers eingestellt hatte, pilgerte ich zum Plattenladen meines Vertrauens: Trotz des seltsamen Covers wurde die CD selbstverständlich ohne Probehören gekauft. Schnell noch den peinlichen »Voll Evil«-Aufkleber abgeknibbelt und ab nach Hause. Dort angekommen wurde alles für die Defloration vorbereitet und voller Nervosität den ersten Klängen gelauscht. Doch seltsam, irgendwie wollte das Ding nicht zünden. Noch mal hören… Nee, packt mich nicht. Mal schauen was die anderen dazu sagen. Doch irgendwie sprach niemand über die Platte. Es schien als seien alle irgendwie peinlich berührt. Schwer zu sagen ob von der Platte oder dem Bewusstwerden der eigenen Naivität. Wir wendeten uns Soundgarden, den Chilli Peppers oder Urban Dance Squad zu und »Evil Empire« wurde zu den Akten gelegt. Die nachfolgenden Alben »The Battle of Los Angeles« und »Renegades« waren gut bis sehr gut und versöhnten zumindest einigermaßen mit der Enttäuschung, wenngleich »Voll Evil« eine stets spürbare Narbe hinterließ.

YouTube Preview ImageVor kurzem fiel mir das verachtete Album wieder in die Hände. Um einige nicht nur musikalische Enttäuschungen und die Erkenntnis reicher, dass es nie wieder so sein wird, wie beim ersten Rage-Hören, gab ich dem Silberling eine zweite Chance. Und was ist das? »Bulls on Parade« treibt kaum weniger als »Killing in the name« und »Vietnow« ist fast genauso druckvoll wie »Take the Power back«. Was hatte ich damals eigentlich an den Ohren? Keine Ahnung. Insgesamt eine richtig gute Platte, die sich weder hinter ihrem Vorgänger noch ihren Nachfolgern zu verstecken braucht. Ihr (oder wahlweise mein) einziges Pech war wohl, dass ich ihr niemals die Chance gegeben habe, in mir Ähnliches auszulösen wie das Debüt.

Ob ich »Evil Empire« anstelle des Vorgängers mit auf eine einsame Insel nehmen würde? So weit bin ich in Sachen Selbsterkenntnis vermutlich noch nicht, aber ein paar Megabyte auf meinem MP3-Player werd´ ich wohl frei machen. (Bildquelle: Scan)

Amien unter schätzt

Ähnliche Artikel:

5 Kommentare zu “Absolutely böse”

  • Christoph meint:

    Die “Evil Empire” hat ihren schlechten Ruf wirklich nicht verdient. Auf eine einsame Insel kann die trotzdem nicht mit, weil da weder “Wake up” noch “Freedom” drauf ist. Im Übrigen werde ich das Gefühl nicht los, dass wir mal einen “Wir spielen uns unsere frühen Singles vor”-Abend machen sollten.

  • Nooßa meint:

    Bei einem derartigen Abend wäre ich gerne dabei, “Never Ending Story” von Limahl und “Love and Pride” von King, das ist ne Reise wert.
    Zum Thema unterschätzte/überbewertete Platten im Allgeinen und RATM im Speziellen kann ich nur sagen: Nach dem Wembleytor war auch jeder Lattenschuss nur der Zweitbeste. Die RATM RATM ist und bleibt für mich als noch n bißchen jüngeres Generation X-Kind (wie ich diese Kategorien hasse) DAS prägende Album meines frühen “Musik kann so und so sein”- Erwachens, gepresste Aggression in Hochpotenz, der homöopathische Dreck, der sich später am Pissen in denselben Schnee versuchte, ist da bestenfalls n Wasserzeichen von. Insofern kann die Evil Empire nur das zweitbeste Edel-Aggro-Album sein und auf einer einsamen Insel wäre für mich die RATM RATM sicher eins von den Alben, die ich mitnehmen dürfte, wenn es 10 wären…

    Die anderen 9:
    Björk- Debut (tja, was soll man zu dem Hammerdebüt noch sagen, für mich immer noch DIE beste erste Platte)

    The Smiths- Louder Than Bombs (ja, ist ne Compilation,aber da muss man ökonomisch denken)

    Paul Weller- Days of Speed (pure Willkür und schon wieder ne Quasi- Komiplation, Generation Pragmatismus)

    Pale- Brother.Sister.Bores! (Lokalkolorit und wunderbare Melodien)

    Braid- Frame & Canvas (auf den Punkt!)

    Bad Religion- Against The Grain (aber nur, wenns ne Sonneninsel ist)

    Kate Nash- Made Of Bricks (wunnerbar)

    Jan Delay- Mercedes Dance (wieso kann ich dann, verdammt nochmal, so cool sein, wie ich bin?)

    Yann Tiersen- Cétait ici (wunnerbar, die zweite)

    Hmmm, Schwierisch!
    Und morgen säh die Reisetasche sicher schon wieder ganz anders aus……

  • Tom meint:

    Wie Du schon sagst, Amien, die zweite war wie die erste.
    Und damals war ich irgendwie einfach den Sound satt. Da wäre eine größere Weiterentwicklung für mich nötig gewesen.

  • Amien meint:

    @christoph: ich bin dabei
    @tom: in sachen lieblingsband bin ich extrem konservativ. wenn die einmal den sound getroffen haben, der mir gefällt, dann bitte keine weiterentwicklung. keine ahnung, warum ich die ramones so mag.
    @nooßa: irgendwie hast du ja recht. was deine 10 favoriten angeht, hätten wir nur eine übereinstimmung (besagte RATM) von daher sollten wir gemeinsam stranden. könnten dann die anderen alben auf die festplatten ziehen und wären – da einsame insel – vor dem langen arm der musikindustrie sicher. bringst du ´nen rechner mit?

  • Kersten meint:

    Kann ich auch zu diesem Abend kommen? Ich würde Euch gerne mit je Menge markantem 70er-Jahre-Vinyl überraschen. (Meine erste LP: Love Machine von Supermax, meine erste Single: Hiroshima von Wishful Thinking)

Dein Kommentar