Aug 7 2010

Lieblingslied

Zweiter Teil

© screams for your heart

Ich stehe in einem Kölner Club. Auf dem Plan stehen Escapado. Eine vierköpfige Screamo-Gruppe aus Kiel und Flensburg. Ich bin alt, älter jedenfalls als die meisten anderen Konzertbesucher. Abgeklärt bewege ich mich im hinteren Teil des Etablissements. Ich lehne entspannt an der Theke und nippe ab und an an meinem Kaltgetränk. Nichts kann mich aus der Ruhe bringen. Auch als die vier Jungs aus dem Norden auf die Bühne kommen, bin ich kalt wie Eis und harre der Dinge, die da kommen.

Von den ersten Tönen an, bewegen sich um mich herum die Heranreifenden zum Rhythmus der Stakkatogitarren und schreien die Texte mit, die von Einsamkeit, Kampf gegen das unerbittliche System und vielem Unerfreulichen mehr erzählen. Milde lächelnd schaue ich mir das Treiben an und erinnere mich an Zeiten, in denen auch ich leicht entflammbar war für Wutrock. An Zeiten, in denen ich mich von Rage against the machine dazu verführen ließ, im Takt zu hüpfen und »Fight the war fuck the norm« zu singen. An Zeiten, in denen ich auf die Frage, ob Musik denn die Welt verändern könne, ziemlich überzeugt, überzeugend und im Takt hüpfend »Ja« gerufen habe.

Während ich also so dastehe, vermeintlich abgeklärt die Revolluzerjahre vorbeiziehen lasse und sich dabei ein ambivalentes Gefühl irgendwo zwischen »Zum Glück ist das vorbei« und »War schon schön« einstellt, spielen Escapado »Coldblackdeathbloodmurderhatemachine«. Nachdem mir die vier Twens die ersten Akkorde um die Ohren gehauen haben, bin ich unmittelbar im Hier und Jetzt. Keine Abgeklärtheit, keine Gelassenheit mehr. Ich entferne mich von meinem Beobachterposten und begebe mich ins Geschehen. Dort angekommen, verschleppen die Jungs das Tempo. Sparsamer Einsatz der Rhythmusgruppe. Kaum noch Gitarre. Der blonde Sänger, der einer KJG-Ferienmaßnahme entsprungen sein könnte, spricht immer wieder den gleichen Satz: »Deine Stimme zerschneidet das letzte Vertrauen. Deine Hand wird zur Faust.« Ich verstehe nicht was er damit sagen will, spüre aber, dass Verstehen jetzt keine Rolle mehr spielt. Fast unbemerkt spielt sich die Band dem Höhepunkt des Stücks entgegen. Der Sänger wird lauter. Ich schaue an meinem Arm empor. Da ist keine Hand mehr. Nur noch Faust.

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Amien unter schätzt

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2 Kommentare zu “Lieblingslied”

  • Woody Allen meint:

    Ich fürchte, wenn sie aufhören zu spielen, kommen sie von der Bühne und nehmen Geiseln.

  • johannes meint:

    wirklich schöner text.
    die werd ich mir dann wohl auch mal ansehen.
    dankeschön.;-)

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